Gedächtnistraining: Was wirkt und was nur beschäftigt
Wer viel Sudoku löst, wird gut in Sudoku. Ob sich das auf den Alltag überträgt, ist die eigentliche Frage, und die Antwort fällt ernüchternder aus als die Werbung verspricht.

Der Markt für Gehirnjogging ist groß, die Belege für seinen Nutzen sind es nicht. Das heißt nicht, dass geistige Aktivität nutzlos wäre. Es heißt, dass die wirksamsten Ansatzpunkte an anderer Stelle liegen.
Was Gedächtnistraining belegbar bringt
Der Effekt, der sich zuverlässig zeigt, heißt Aufgabenspezifität: Wer eine bestimmte Übung wiederholt, wird in dieser Übung besser. Wer täglich Zahlenreihen merkt, merkt sich Zahlenreihen besser.
Was sich deutlich schlechter zeigen lässt, ist der Transfer: dass sich diese Verbesserung auf andere geistige Leistungen oder auf den Alltag überträgt. Aus dieser Lücke zwischen belegtem Trainingseffekt und unbelegtem Alltagsnutzen bezieht ein großer Teil des Marktes seine Werbung.
Kommerzielle Anbieter, die eine Wirkung gegen Demenz nahelegen, gehen über die Datenlage hinaus.
Wo die Belege deutlich besser sind
Die Übersichtsarbeiten der Lancet Commission benennen eine Reihe beeinflussbarer Faktoren, die mit dem Demenzrisiko in Zusammenhang stehen. Dazu gehören:
- Unbehandelte Schwerhörigkeit. Einer der am stärksten gewichteten Faktoren im mittleren Lebensalter. Wer schlecht hört, bekommt weniger Reize und zieht sich sozial zurück. Siehe Hörgeräte Kosten.
- Bluthochdruck im mittleren Lebensalter
- Rauchen
- Bewegungsmangel
- Diabetes
- Übergewicht
- Depression
- Sozialer Rückzug und Vereinsamung
- Übermäßiger Alkoholkonsum
- Kopfverletzungen
- Geringe Bildung in jungen Jahren
- Luftverschmutzung
Diese Faktoren erklären zusammen einen erheblichen Teil des Risikos. Das bedeutet nicht, dass sich Demenz verhindern ließe, aber die Ansatzpunkte sind hier klarer belegt als bei Denksportaufgaben.
Was das praktisch heißt
Hören prüfen lassen. Schwerhörigkeit entwickelt sich schleichend und wird im Schnitt viele Jahre zu spät versorgt. Ein Hörtest kostet nichts und ist der niedrigschwelligste Punkt auf dieser Liste.
Blutdruck kennen und behandeln lassen. Der Faktor mit dem größten Gewicht im mittleren Lebensalter.
Bewegung. Wirkt auf mehrere Faktoren gleichzeitig: Blutdruck, Diabetes, Gewicht, Stimmung. Siehe Bewegung ab 50.
Soziale Kontakte. Vereinsamung ist ein eigenständiger Risikofaktor. Regelmäßige Kontakte sind kein Wohlfühlthema, sondern gehören in dieselbe Kategorie wie Blutdruck.
Geistige Aktivität mit Neuigkeitswert. Eine neue Sprache, ein Instrument, eine unbekannte Tätigkeit fordern anders als das hundertste Kreuzworträtsel. Ob das die kognitive Reserve messbar erhöht, ist nicht abschließend geklärt; unschädlich und meist angenehm ist es allemal.
Wann Vergesslichkeit abgeklärt gehört
Normal ist: Namen suchen, den Schlüssel verlegen, kurz nicht auf ein Wort kommen.
Abklärungsbedürftig ist:
- Orientierungsprobleme an vertrauten Orten
- Sprachliche Auffälligkeiten, die anderen auffallen
- Probleme mit gewohnten Handlungsabläufen, etwa dem Bedienen der Waschmaschine
- Wesensveränderungen
- Wenn Angehörige Veränderungen bemerken, die der Betroffene selbst nicht wahrnimmt
Der letzte Punkt ist der aussagekräftigste. Eine frühzeitige Abklärung ist auch deshalb sinnvoll, weil einige Ursachen von Gedächtnisproblemen gut behandelbar sind, etwa Schilddrüsenunterfunktion, Vitamin-B12-Mangel, Depression oder Medikamentennebenwirkungen.
Keine Wirkversprechen
Zu Nahrungsergänzungsmitteln, die mit Gedächtnisleistung oder Demenzvorbeugung beworben werden, behaupten wir keine heilende, lindernde oder vorbeugende Wirkung.
Häufige Fragen
Hilft Gehirnjogging gegen Demenz?
Es gibt keinen Beleg dafür, dass Gedächtnistraining eine Demenz verhindert. Belegt ist vor allem, dass man in der trainierten Aufgabe besser wird. Ein Übertrag auf andere Bereiche des Denkens ist nur begrenzt nachweisbar.
Was beeinflusst das Demenzrisiko nachweislich?
Als beeinflussbare Risikofaktoren gelten unter anderem unbehandelte Schwerhörigkeit, Bluthochdruck, Rauchen, Bewegungsmangel, Diabetes, Übergewicht, Depression, sozialer Rückzug, übermäßiger Alkoholkonsum, Kopfverletzungen und Luftverschmutzung.
Ab wann ist Vergesslichkeit auffällig?
Wenn Orientierung, Sprache oder gewohnte Handlungsabläufe betroffen sind, wenn Angehörige Veränderungen bemerken oder wenn die Vergesslichkeit im Alltag zu Problemen führt. Namen zu vergessen ist normal, den Weg nach Hause nicht zu finden nicht.
Quellen
- Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Patienteninformationen
- S3-Leitlinie Demenzen, AWMF
- Lancet Commission on dementia prevention, intervention, and care
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